Halmbartendrill (15. Jahrhundert)

Zusammengestellt und bearbeitet von Nicolaus von Aesch (Nico Baumgärtel)

Für den folgenden Aufsatz wird um Beachtung gebeten, daß es überlieferte Vorgaben i. S. von „Drillbüchern“ zu einem Halmbartendrill aus dem 15. Jhd. nicht gibt!
Andere Reenactmentgruppen haben daher z. T. etwas andere Handhabungen der Halmbarte. Eine absolute Weisheit wird es zu diesem Thema jedoch nicht geben- was zählt, ist letztlich die Praxistauglichkeit der Drills im Gefecht und zur Parade.

Der nachfolgende Drill beruht auf den folgenden grundsätzlichen theoretischen Überlegungen:

1. Der Einsatz von Langwaffen zum Hieb und Stoß im geschlossenen Verband bedurfte zumindest eines rudimentären Ordnungselements (Drill), um Effektivität zu erreichen und die eigenen Kameraden im Gefecht nicht zu gefährden.

2. Die reglementierten Pikendrills des 16./ 17. Jhds. sind auf praktischen Erfahrungen/Überlieferungen aufgebaut- hier wurden sehr wahrscheinlich Einflüsse aus dem Umgang mit Halmbarten bzw. Langspießen im 15. und 16. Jhd. verarbeitet.

3. Die Handhabung des Langspießes als reine Stichwaffen unterscheidet sich gegenüber der Handhabung der Halmbarte als Kombinationswaffe/ Schlagwaffe dann, wenn die Halmbarte zum Hieb eingesetzt wird. Während ein Rechtshänder den Spieß mit der Linken voran stabilisiert und mit der meist kräftigeren rechten Hand führt und hervorbringt, bedarf die Führung der Halmbarte beim Hieb analog der Führung einer Axt der rechte Hand voran. Mehrfaches Umgreifen der Führungshand war daher im Einzelkampf mit der Halmbarte üblich und wird in den einschlägigen Fechtbüchern auch gezeigt. Demgegenüber zeigen die Abbildungen aus dem 15. Jhd. die Führung von Spieß und Halmbarte im Verband sowohl mit rechter, als auch mit linker Hand voran, was darauf schließen lässt, daß eine strenge Reglementierung aus praktischen Erwägungen nicht stattfand bzw. die Handhabung nach Links- und Rechtshändern unterschiedlich war.


Halmbartenkomandos:


„Halbartiere in einer (zwei) Reihe(n) herstellt Euch!“

Die Halbartiere treten in einer (zwei) Linie(n) ausgehend vom Flügelmann (vis- a- vis des Kommandierenden) nach links an.

„Merket auf!“

Die Halbartiere stellen die Halmbarte rechts neben den rechten Fuß, die rechte Hand fasst den Stiel der Halmbarte in Schulterhöhe, die linke Hand liegt auf dem Rücken, sie stehen aufrecht und schauen gerade aus.

„Aufwärts traget die Wehr!“

1) Die Wehr wird vertikal auf volle Armlänge des rechten Armes nach oben gebracht und der Stiel mit der linken Hand auf Taillenhöhe ergriffen.
2) Die rechte Hand lässt los und wird nach unten gebracht, die linke Hand bringt die Wehr weiter nach oben, bis die rechte Hand am ausgestreckten Arm den Fuß der Wehr umfasst.
3) Die Wehr wird aufrecht und nahe an der Seite gehalten, indem man den Handrücken der rechten Hand zur Front zeigen lässt (dadurch wird die Wehr zwischen der Schulter und dem Arm eingeschlossen).

„Nieder stellet die Wehr!“ (aus der Aufwärts Stellung)

1) Die Wehr wird mit der linken Hand auf Schulterhöhe ergriffen und mit beiden Händen in Richtung Front gebracht.
2) der Fuß der Wehr wird von der rechten Hand losgelassen, die linke Hand bringt die Wehr herunter, die rechte Hand greift wieder am ausgestreckten rechten Arm.
3) die Wehr wird neben dem rechten Fuß abgesetzt, die rechte Hand und rechter Unterarm nehmen die korrekte „Merket auf“ - Position ein (s. o.)

„Schultert die Wehr!“ (aus der Aufwärts- Stellung)

1) Die Wehr wird mit der linken Hand in Brusthöhe ergriffen und mit beiden Händen in Richtung Front gebracht.
2) Die rechte Hand lässt den Fuß der Wehr los und greift diese wieder mit ausgestreckten rechten Arm, der Daumen weißt nach oben.
3)Die Wehr wird nach hinten an die Schulter angelehnt, bis der Daumen auf der Schulter ruht. Die linke Hand bringt die Wehr bis zum voll ausgestreckten linken Arm nach vorn unten.
Die rechte Hand gleitet am Stiel nach unten, bis die Hand Brusthöhe erreicht. Die linke Hand lässt die Wehr los. Der rechte Ellenbogen wird eng an den Körper gebracht, um die Wehr ruhig zu halten.

„Aufwärts traget die Wehr!“ (aus der Schultert- Stellung)

1) Die linke Hand fasst am ausgestreckten Arm die Wehr, gleichzeitig gleitet die rechte Hand mit aufwärts zeigenden Daumen am Schaft hoch, bis der Daumen auf der Schulter liegt.
2) Die Wehr wird mit beiden Händen in eine vertikale Position auf volle Armlänge des rechten Armes nach oben in Richtung Front gebracht, die linke Hand ist auf Taillenhöhe.
3) Die rechte Hand lässt los und wird nach unten gebracht, bis sie am ausgestreckten Arm den Fuß der Wehr umfasst. Die linke Hand lässt die Wehr los. Die Wehr wird aufrecht und nahe an der Seite gehalten, indem man den Handrücken der rechten Hand zur Front zeigen lässt (dadurch wird die Wehr zwischen der Schulter und dem Arm eingeschlossen).

„Schultert die Wehr!“ (aus der Niederstellet- Stellung)

1)Die Wehr wird nach vorn in eine Linie mit der rechten Schulter gebracht und gleichzeitig bis zur vollen Armlänge des rechten Arms angehoben. Der Daumen weißt nach oben am Schaft.
2)Die Wehr wird mit der linken Hand auf Taillenhöhe ergriffen.
3) Die Wehr wird nach hinten geneigt und mit der rechten Hand so an die rechte Schulter gebracht, daß der Daumen auf der Schulter ruht. Die linke Hand hält die Wehr am ausgestreckten Arm 45° nach vorn unten. Die rechte Hand gleitet am Schaft herab, bis sie Brusthöhe erreicht. Die linke Hand lässt die Wehr los. Der rechte Ellenbogen wird eng an den Körper gebracht, um die Wehr ruhig zu halten.

„Nieder Stellet die Wehr!“ (aus der Schultert Stellung)

1) Die linke Hand fasst am ausgestreckten Arm die Wehr, gleichzeitig gleitet die rechte Hand mit aufwärts zeigenden Daumen am Schaft hoch, bis der Daumen auf der Schulter liegt.
2) Die Wehr wird mit beiden Händen in eine vertikale Position auf volle Armlänge des rechten Armes nach oben in Richtung Front gebracht, die linke Hand ist auf Taillenhöhe.
3) die Wehr wird neben dem rechten Fuß abgesetzt, die rechte Hand und rechter Unterarm nehmen die korrekte „Merket auf“ - Position ein (s. o.)

„Gegen Fußvolk fället die Wehr!“ (aus der Aufwärts- Stellung)

1. Reihe
1) Die Wehr wird mit der linken Hand über der rechten Schulter so ergriffen, dass der Daumen nach unten zeigt.
2) Der linke Fuß wird einen Schritt vorgesetzt, die Wehr dabei gleichzeitig bis zum ausgestreckten linken Arm (mit einem Schrei) nach vorn gefällt. Die rechte Hand hält dabei den Fuß der Wehr an der rechten Hüfte. Der Körper ist leicht nach vorn geneigt, das linke Knie ist gebeugt, das hinten stehende rechte Bein ist im 45 ° Winkel gestreckt.

2. Reihe
1) Die Wehr wird mit der linken Hand über der rechten Schulter so ergriffen, dass der Daumen nach unten zeigt.
2) Der linke Fuß wird einen Schritt vorgesetzt, die Wehr dabei gleichzeitig auf Brusthöhe (mit einem Schrei) nach vorn gefällt. Die linke Hand ist unter dem Kinn, der linke Ellenbogen ist unter der Wehr an der linken Brust angelehnt. Die rechte Hand bringt den Fuß der Wehr nach hinten oben bis zum ausgestreckten rechten Arm in die horizontale Position auf Schulterhöhe. Der Körper ist leicht nach vorn geneigt, das linke Knie ist gebeugt, der hinten stehende rechte Fuß ist ausgestreckt.
Wichtig: Beim Fällen der Wehr tritt die hintere Reihe auf Lücke zum Vordermann!

3. Reihe
1) Die Wehr wird mit der linken Hand über der rechten Schulter so ergriffen, dass der Daumen nach unten zeigt.
2. Der linke Fuß wird einen Schritt vorgesetzt, die Wehr dabei gleichzeitig über den Kopf gehoben und (mit einem Schrei) nach vorn gefällt. Der rechte und linke Oberarm ist auf Schulterhöhe, die Unterarme weisen senkrecht nach oben. Die Spitze der Wehr zeigt leicht nach unten.
Wichtig: Beim Fällen der Wehr tritt die hintere Reihe auf Lücke zum Vordermann!

„Gegen Reißige fället die Wehr!“

1. Reihe
1) Die Wehr wird mit der rechten Hand über den rechten Fuß gehoben und zwischen den Füßen abgesetzt. Gleichzeitig greift die linke Hand den Stiel der Wehr auf Brusthöhe, sodaß der Daumen nach oben weißt. Der linke Fuß wird einen Schritt vorgesetzt, der Halbartier fällt auf das rechte Knie. Das kniende rechte Bein bildet dabei einen 90° Winkel zur Front. Gleichzeitig wird die Wehr vorgelehnt, der Fuß der Wehr wird dabei gegen das rechte Knie innen am Oberschenkel gestützt und mit der rechten Hand am Boden fixiert. Die linke Hand stützt sich auf das linke Knie und hält die Wehr im 45° Winkel aufrecht. Der Kopf ist angehoben und die Augen schauen nach vorn.

2. und 3. Reihe
1) Die Wehr wird mit der linken Hand über der rechten Schulter ergriffen, sodaß der Daumen nach oben zeigt.
2) Der linke Fuß wird einen Schritt vorgesetzt, die Wehr dabei gleichzeitig mit dem linken Arm nach vorn gefällt. Die rechte Hand hält dabei den Fuß der Wehr an der rechten Hüfte. Die Wehr soll dabei 45° nach vorn oben weisen, der Körper ist leicht nach vorn geneigt, das linke Knie ist gebeugt, der hinten stehende rechte Fuß ist ausgestreckt.
Wichtig: Beim Fällen der Wehr tritt die hintere Reihe links auf Lücke zum Vordermann!

Die dritte Reihe tritt in der gleichen Position wie die zweite Reihe auf Lücke zur zweiten Reihe.

„Die Wehr zum Hieb!“ (aus der „Aufwärts“- Stellung)

1) Die Wehr wird mit der linken Hand knapp oberhalb der rechten Hand ergriffen.
2) Die rechte Hand lässt den Fuß der Wehr los und greift den Stiel auf Schulterhöhe
3)Die Wehr wird rechts neben den Kopf nach hinten ca. 45 ° gebracht, der Stiel ruht an der Schulter. Gleichzeitig wird der linke Fuß vorgesetzt. Der Körper des Halbartiers ist jetzt nach rechts gewendet.

Wird aus der Position „Gegen Fußvolk fället die Wehr“ in "Die Wehr zum Hieb" umgegriffen erfolgt nur der Wechsel der Führungshand, die Beinstellung bleibt gleich!

„Hieb!“

Der Stiel der Wehr wird mit der rechten Hand nach vorn oben gebracht. Die Wehr wird halbkreisförmig in einer einzigen fließenden Bewegung nach vorn gebracht. Gleichzeitig wird der bisher hinten stehende rechte Fuß nach vorn gebracht.
Wichtig: Die Bewegung darf nur in einer Linie nach vorn geschehen. Jegliche Seitwärtsbewegung gefährdet nebenstehende Halbartiere!

Merke: Nach dieser Hiebbewegung steht der Halbartier in der Abwehrstellung auf links. Für einen neuerlichen Hieb wird der linke Fuß wieder nach vorn gesetzt und die Halmbarte wiederum im 45° Winkel an die rechte Schulter geführt.

Sollte aus dieser Position jedoch ein Stich erfolgen, kann auf rechts umgegriffen werden. Wichtig ist beim Umgreifen, dass dabei auf keinen Fall nebenstehende Halbartiere gefährdet werden dürfen.


„Schleifet die Wehr!“ (aus der „Aufwärts“- Stellung)

Die Wehr wird mit der linken Hand auf Schulterhöhe ergriffen, die rechte Hand lässt den Fuß der Wehr vorsichtig im 45° Winkel nach hinten auf den Boden gleiten, bis die linke Hand auf Hüfthöhe angekommen ist. Die rechte Hand wandert über die linke Hand und fasst den Stiel an ausgestreckten rechten Arm. Die Wehr wird weiter durch die Hände geschliffen, bis die Wehr unterhalb des Eisens nur noch mit der rechten Hand an der rechten Hüfte gehalten wird.


„Stehet bequem!“ (aus der „Niederstellet“- oder „Merket auf“- Stellung)

1) Die Wehr wird mit der linken Hand auf Brusthöhe ergriffen, die rechte Hand gleitet am Schaft herunter bis zur linken Hand.
2) Die Wehr wird angehoben, der Fuß der Wehr wird zwischen beiden Füßen ca. 30 cm vor dem Halbartier auf den Boden gestellt.
3)Die Wehr wird an die rechte oder linke Schulter angelehnt.

„Zum Trutz bildet einen Igel- marsch“ (Rundumverteidigung):

1) Der Flügelmann der ersten Reihe rennt auf das o. g. Kommando los, die erste Reihe folgt ohne Lücke, bis der Ring gebildet ist (die erste Reihe bildet den inneren Ring).
2) Sobald der Flügelmann der zweiten Reihe den äußersten linken Mann der ersten Reihe an sich vorbeiziehen sieht, schließt er sich an, die zweite Reihe folgt ohne Lücke, bis der Ring gebildet ist (die zweite Reihe bildet den äußeren Ring).

Kommandos ohne weitere Erläuterung:

Zu den Waffen!“

„Rotte Tritt aufnehmt!“

„Vorwärts voran- marsch!“

„Stehet- still!“

„Zu Eurer rechten/ linken Hand um!“ (Drehung um 90°)

„Zu Eurer rechten/ linken Hand kehret Euch um!“ (Drehung um 180°)

„Schwenket zu Eurer rechten/ linken Hand!“(Schwenkung der Formation- die Front bleibt dabei erhalten)


Distanzen:

„Gemeiner Stand“: ausgestreckter linker Arm zum Nebenmann

„Halber Stand“: ausgestreckter linker Ellenbogen zum Nebenmann

„Doppelter Stand“: ausgestreckter linker Arm und ausgestreckter rechter Arm des Nebenmann

„Dicht“: Schulterkontakt zum Nebenmann

„Dicht- Dicht“: So eng, wie möglich zusammen